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Schönweitz-Kolumne: „Habt den Mut Fehler zu machen“

Best of GOKIXX · 11. März 2020

In seiner neuen Kolumne bei GOKIXX spricht Meikel Schönweitz, Cheftrainer der U-Nationalmannschaften der Männer, über seine Sicht auf die Weiterentwicklung der Nachwuchsförderung und Eure Herausforderungen auf dem Weg zum Profi. Lest hier seinen ersten Text für die GOKIXX-App.

Der deutsche Nachwuchs steht in der Kritik! Andere Nationen haben uns überholt. Die Vorwürfe an Euch, die Spieler, lauten, dass Ihr nicht selbstständig genug seid, Euch die Probleme abgenommen werden, Ihr verwöhnt seid, Euch Ehrgeiz, Widerstandsfähigkeit und Mut fehlen, dass Ihr international zweikampfschwach seid, dass die deutschen Tugenden nicht mehr so ausgeprägt sind, dass keine Kreativität mehr vorhanden ist und vieles mehr. Warum ist das so, ist das überhaupt gerechtfertigt, und was wird dagegen getan?

Vor zwei Jahren haben wir gemeinsam mit der DFL eine große Analyse gemacht: Wo steht der Deutsche Fußball, wie gut ist er aktuell? Dafür haben wir unheimlich viele Informationen eingeholt, mit unzähligen Menschen (Bundesliga-Manager, Funktionäre, LZ-Trainer, sportliche Leiter, Verbandstrainer, Amateurtrainer, Wissenschaftler, Pädagogen, Psychologen, Medien, aber auch mit vielen Spielern) gesprochen, Zahlen und, Daten ausgewertet. Dabei sind wir auf einige Bereiche gestoßen, in denen wir derzeit tatsächlich Probleme haben und die es zu lösen gilt.

Um es kurz zu machen, es gibt zwei Ziele im Deutschen Elitefußball:

1. Dauerhaft in der Weltspitze mit der Bundesliga und der Nationalmannschaft sein.
2. Den Talentpool in Deutschland optimal ausschöpfen.

Um das hinzubekommen, müsstet Ihr, die Spieler, in unserem Fußballsystem im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen. Das tut Ihr aber gerade leider nicht. Aktuell geht es im Fußball nicht mehr nur um die Entwicklung der einzelnen Spieler, sondern leider zu oft um den schnellsten Weg zum Erfolg und um den Profit, also um Geld und um die persönlichen Interessen der beteiligten Organisationen.

Was für Euch wichtig ist, kommt dadurch oft zu kurz.

Das hat natürlich Auswirkungen auf Eure Ausbildung und Entwicklung, was an den nachlassenden internationalen Erfolgen und an der geringen Anzahl deutscher Jugendspielerin der Bundesliga erkennbar ist. Deshalb steht Ihr, die Spieler, in der Kritik. Und deshalb wurde das Projekt Zukunft ins Leben gerufen, mit dem wir Euch unterstützen und langfristig Grundlagen schaffen wollen, damit wir unsere internationalen Konkurrenten überholen und wieder Titel holen.

Was bedeutet das für Euch?

Die Vorwürfe an Euch lauten unter anderem: Nicht selbstständig, verwöhnt, kein Ehrgeiz, keine Härte, keine Typen. usw.

Da ist sogar etwas dran, aber nur im Vergleich zu „früher“. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es liegt nicht daran, dass Ihr mehr Fehler macht oder schlechter seid als die Generationen vor Euch, sondern daran, dass Ihr Teil der aktuellen Gesellschaft und des System Fußballs seid, die sich ständig verändern und weiterentwickeln. Das Spiel ist schneller geworden, es ist viel mehr Geld im System, und der Alltag hat sich durch die Digitalisierung und durch moderne Medien verändert.

Das hat dazu geführt, dass Ihr im Vergleich zu den letzten Generationen viel weniger Fehler machen dürft, viel mehr Informationen verarbeiten müsst, viel mehr vorgegeben bekommt, viel weniger Zeit habt, viel weniger austesten könnt, viel weniger Möglichkeiten habt, Euch frei, ohne Vorgaben zu entfalten, Eure eigenen Ideen zu entwickeln und Eure eigenen Lösungen für Probleme zu finden.

Und dabei kommt das Projekt Zukunft ins Spiel, mit dem wir Euch helfen wollen. Wir suchen nach Mitteln, um Euch wieder mehr Zeit und Freiraum zum Ausprobieren zu verschaffen, zum freien Spielen, zur selbstständigen Erfahrungssammlung. Wir wollen den Fokus mehr auf Eure individuelle Entwicklung legen. Wir wollen weniger Druck von außen auf Euch zulassen und stattdessen Eure Eigenmotivation in den Mittelpunkt stellen.

Dafür machen wir uns Gedanken, wie wir die Förderstrukturen (Vereine, Verbände, DFB-Stützpunkte, Eliteschulen etc.) besser miteinander vernetzen, wie wir eventuell die Wettbewerbe anpassen und wie wir die Inhalte der Trainerausbildung verändern können. Das ist allerdings sehr kompliziert, weil es viele verschiedene Interessen und viele verschiedene Meinungen dazu gibt. Und mit diesen Veränderungen ist es nicht getan. Auch Ihr müsst Euren Teil dazu beitragen.

Was könnt Ihr tun?

Wartet nicht darauf, bis irgendjemand Eure Probleme löst oder Hürden, die Euch im Weg stehen, wegräumt. Packt es selbst an und versucht, über diese Hürden zu springen, auch wenn sie hoch sind und es schwerfällt. Was heißt das? Habt den Mut, Fehler zu machen, auch mal auf die Schnauze zu fallen. Steht danach wieder auf, versucht es weiter und lernt aus Euren Fehlern.

Nur so werdet Ihr besser. Ihr könnt nicht alle Bundesliga- oder Nationalspieler werden. Aber es sollte Euer Ziel sein, der Beste zu werden, der Ihr sein könnt. Übernehmt Initiative, übernehmt Verantwortung, für Euch, für Euren Körper, für Eure Leistung, für Eure Mannschaft. Aber auch für Eure Termine, für Eure Ausrüstung.

Nutzt Eure Zeit, um Euch zu bewegen, um Sport zu treiben, das muss nicht nur Fußball sein. Gebt nicht auf, wenn es mal schwer wird, sondern versucht, Eure Grenzen immer weiter nach oben zu schieben. Gebt Euch nicht mit einem Lob zufrieden. Nehmt es als Motivation, die nächste Stufe zu erreichen. Knickt nicht ein, wenn Euch mal jemand kritisiert, sondern nehmt es als Anreiz, besser zu werden.

Habt Spaß daran, Herausforderungen zu meistern. Seid besessen davon, immer besser zu werden. Das hilft Euch in allen Lagen, der Fußball prägt fürs ganze Leben. Der deutsche Nachwuchs hat riesiges Potential, aber wir müssen es auch ausreizen. Gemeinsam. Mit dem Projekt Zukunft wollen wir genau das angehen!

Bildquelle: imago images/Eibner